SCHÖNER SCHEITERN ODER MEHR MINDSET WAGEN Eine Restrukturierung findet nicht in einem Vakuum statt. Deshalb lohnt es sich, über die Grenzen des eigenen Mandats hinauszublicken und die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland genau zu beobachten. Und die stockt ganz erheblich, findet Prof. Dr. Markus W. Exler. Aber die Chance, das wirtschaftliche Lenkrad herumzureißen, besteht weiterhin – und die Antwort darauf, ob und wie sie genutzt wird, dürfte die Sanierungsbranche langfristig prägen. Herr Prof. Exler, wäre die deutsche Wirtschaft ein Kraftwagen, würde ein Mechaniker wegen den komischen Geräuschen aus dem Motor skeptisch werden. Es läuft einfach nicht so richtig rund. Wie herausfordernd ist es, Unternehmen in solch einem Umfeld zu sanieren? Exler: Was die Lagebeschreibung angeht, haben Sie Recht. Nur würde der Mechaniker nicht nur komische Geräusche hören, sondern vermutlich den Kopf schütteln und schon einmal die Hebebühne vorwärmen, um dem wirtschaftlichen Totalschaden zuvorzukommen. Denn es sieht in der deutschen Wirtschaft in der Tat nicht gut aus, und das ist keine gute Basis für wirtschaftliche Restrukturierungen und Sanierungen. Meine These: Die Kosten für unternehmerisches Scheitern sind bei uns zu hoch und die Investitionsneigung nimmt außerdem seit etwa 2017 massiv ab. Es werden im Wesentlichen Ersatz-, aber keine Erweiterungsinvestitionen getätigt. Um Erweiterungsinvestitionen durchzuführen, braucht es Vertrauen für ein neues Geschäftsmodell sowie auch die Chance, dass ein Irrtum zurückgebaut werden kann. Und genau das ist aktuell nicht möglich. All das führt in den kommenden Jahren zu einem sehr herausfordernden Umfeld für strauchelnde Unternehmen und ihre Sanierung. Eine starke These. Welche Ursachen sehen Sie dafür? Exler: Als Restrukturierer orientiere ich mich gerne an den vier Basisinhalten eines Sanierungsgutachtens. Und mit Blick auf die Krisenursachen sehe ich beispielsweise ein Wegfallen der billigen Energie aus Russland seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, eine Verengung des bislang uneingeschränkten Absatzmarkts in China und auch eine tiefe Verunsicherung durch den Verlust der preiswerten militärischen Sicherheit durch die Vereinigten Staaten. Das sind geopolitische Entwicklungen. Exler: Richtig, aber sie prägen auch die Entwicklung innerhalb der EU und in Deutschland enorm. Auf nationaler Ebene betrachte ich beispielsweise die überbordende Bürokratisierung mit unnötigen Berichtspflichten und viel zu langen Genehmigungsverfahren sowie die fehlende Digitalisierung mit Der Interviewpartner: Prof. Dr. Markus W. Exler ist Partner der Kölner Digital- & Transformationsberatung nexum AG. An der Fachhochschule Kufstein Tirol ist er seit 2003 Professor und verantwortet das von ihm gegründete Institut für Grenzüberschreitende Restrukturierung. THEMA
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