Diese Faktoren sind real, doch sie wirken wie ein Brandbeschleuniger auf bestehende Schwachstellen. Besonders kritisch ist die Lage im verarbeitenden Gewerbe: Fast 1.000 Insolvenzen im ersten Halbjahr 2025 bedeuten in diesem Bereich ein Plus von 17,5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Hinzu kommt: Energieintensive Branchen wie Papier-, Glas- oder Chemieproduktion leiden sogar dreifach – unter steigenden Kosten und zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck und einer sinkenden Nachfrage auf dem heimischen Markt. Fakt ist: Wer seine Energieeffizienz und Produktivität in den guten Jahren nicht erhöht hat, wird jetzt vom Markt bestraft. Wer zu spät handelt, den bestraft der Markt. Aber ist es wirklich so einfach? Hantzsch: Wenn dem so wäre, wäre der Handlungsdruck nicht so groß! Besonders besorgniserregend ist, dass derzeit nicht nur unprofitable Unternehmen aus dem Markt ausscheiden, sondern gerade auch innovative, forschungsintensive Unternehmen – und das zudem aus vielschichtigen Gründen. Unsere Daten zeigen, dass 2024 14.000 technologieorientierte Dienstleister aufgegeben haben oder aufgeben mussten – oft nicht, weil ihnen die Aufträge gefehlt haben, sondern weil sie diese wegen fehlender Fachkräfte nicht bearbeiten konnte. Der Fachkräftemangel in Digital- und MINT-Berufen wirkt wie ein unsichtbarer Bremsklotz für die Transformation. Wenn junge, zukunftsträchtige Unternehmen schließen, weil sie keine passenden Mitarbeiter finden, verlieren wir als Volkswirtschaft doppelt – an Innovationskraft und an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich ist die Gründungsdynamik schwach. Zwar stieg die Zahl der Gründungen 2024 leicht auf 585.000, doch bei Vollerwerbsgründungen gab es ein Minus. Das Risiko: Weniger neue Unternehmen bedeuten weniger frische Ideen und Impulse für den Wettbewerb. Das klingt nach einer neuen Qualität der Krise. Hantzsch: Ja, frühere Insolvenzwellen – etwa nach der Finanzkrise 2009 – waren vor allem konjunkturell getrieben. Heute sehen wir eine Mischung aus zyklischen und strukturellen Faktoren: schwache Nachfrage, hohe Kosten, demografischer Wandel und disruptive Technologien. Diese Krise unterscheidet sich von vielen früheren: Sie betrifft gleichzeitig Nachfrage, Kostenstruktur und Innovationsbasis – das macht sie besonders gefährlich. Selbst eine konjunkturelle Erholung würde viele betroffene Unternehmen nicht mehr retten, weil ihre Geschäftsmodelle nicht mehr tragfähig sind. Der Handlungsdruck ist groß, welche Handlungsempfehlungen geben Sie? Hantzsch: Ich teile die Handlungsempfehlungen für drei Adressaten auf. Für die Politik: Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungen, One-Stop-Shops für Gründungen und gezielte Förderprogramme für High-Tech-Start-ups sind überfällig. Für etablierte Unternehmen: Kontinuierliche Investitionen in Innovation, Digitalisierung und Effizienz sind Pflicht. Wer sich nicht regelmäßig neu erfindet, wird irgendwann vom Markt erfunden. Für Gründerinnen und Gründer: Mut zum Risiko, gerade in Zeiten des Wandels. Wer eine Nische erkennt, sollte nicht zögern. Der Fachkräftemangel kann auch eine Chance sein – für Unternehmen, die attraktiv für knappe Talente werden. Der Interviewpartner: Patrik-Ludwig Hantzsch ist Leiter der Wirtschaftsforschung und Pressesprecher beim Verband der Vereine Creditreform in Neuss.
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