Krise & Chance Oktober 2025

Die deutschen Winzer und Weinbauern steuern auf eine der größten Krisen seit Jahrzehnten zu. Ein strukturelles Überangebot von Reben, sinkende Bodenrichtwerte und Betriebe, die kaum kostendeckend operieren – die Branche steht vor einer umfassenden Restrukturierung. Doch gesunde Sanierungen sind möglich. Prof. Dr. Simone Loose, die Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim, erläutert, worauf es dabei ankommt. Frau Loose, Deutschland ist ein wichtiges Weinland und beim Weinexport weltweit unter den Top Ten vertreten. Aber wie würden Sie den wirtschaftlichen Zustand der Weinregion Deutschland aktuell beschreiben? Frisch? Spritzig? Feurig? Loose: Aktuell würde ich leider eher herb sagen. Die deutsche Weinwirtschaft befindet sich in einer herausfordernden Lage, und die Unternehmen spüren das auch. Immer mehr reden deshalb von einer Krise und hoffen, dass bald wieder Normalität einkehrt – oder das, was sie sich darunter vorstellen. Und wann wird das sein? Loose: In absehbarer Zeit sehen wir das leider nicht. Dafür sind die wirtschaftlichen Treiber der aktuellen Situation viel zu stark. Sehen Sie, eine Vielzahl ungünstiger Faktoren setzt die Weinindustrie hierzulande wirtschaftlich gesehen enorm unter Druck. Das ist eine komplexe Gemengelage, die sich auch nicht einfach auflösen oder zurückdrehen lässt. Welche Faktoren sind da am wichtigsten? Loose: Wir sehen fünf zentrale Treiber, die auf die Weinwirtschaft einwirken. Da sind einmal die Produktionskosten, die alleine seit 2019 um 30 bis 40 Prozent angestiegen sind. Das liegt etwa am erhöhten Mindestlohn, an den steigenden Energiekosten und an der grundlegenden Inflation, die ja alle Menschen im Land beschäftigt. Dann ist das verfügbare Einkommen vieler Menschen geringer, weil sie beispielsweise die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit spüren. Sie wollen in dieser Situation nicht mehr so viel Geld für Wein und Genussgüter ausgeben, wie früher noch. Gibt es weitere Treiber? Loose: Hinzu kommt, dass Wein auch ein Stück weit als alltägliches Genussgetränk zurückgetreten ist. Verbraucher achten immer mehr auf ihre Gesundheit, gerade ältere, und auch die junge Generation distanziert sich zunehmend vom Alkohol – unabhängig davon, ob er sich im Kulturgetränke wie Wein oder in einem Vodka-O befindet. Das hat in der Industrie zu einer vermehrten Herstellung von neuen Getränken gesorgt. Das zeigt beispielsweise der Erfolg von alkoholfreien Bieren, dem die Winzer mit alkoholfreiem Wein nacheifern wollen. Und schließlich spürt auch die Weinindustrie die Auswirkungen des demografischen Wandels. Die kommenden Generationen sind deutlich kleiner als die, die heute noch die Hauptzielgruppe für Wein darstellen. Das ist die Realität, mit der die Branche heute konfrontiert ist. Die Interviewpartnerin: Prof. Dr. Simone Loose ist Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim. DIE WEINWIRTSCHAFT AM KIPPPUNKT THEMA

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