Krise & Chance Oktober 2025

Im Interview spricht Patrik-Ludwig Hantzsch von Creditreform darüber, warum der Kanzler und die Bundesregierung für die Wirtschaftswende zügig und kraftvoll handeln müssen, und er ordnet die nach wie vor hohe Zahl an Unternehmensinsolvenzen ein. Herr Hantzsch, wie sieht Ihre Bilanz nach rund 100 Tagen schwarz-roter Koalition aus? Hantzsch: Ein Großteil der Aufbruchstimmung ist verflogen. Die Bundesregierung hat zwar viele Schwachstellen zutreffend identifiziert. Aber es mangelt an Entschlossenheit, die Herausforderungen anzugehen. Die Wirtschaft vermisst klare Signale für unbequeme, aber notwendige Strukturreformen und einen spürbaren Bürokratieabbau. Kleine und mittelgroße Unternehmen vermissen eine klare Handschrift der neuen Regierung zugunsten des Mittelstands. Was würden Sie als Wirtschaftsforscher der Bundesregierung raten? Hantzsch: Angesichts der Wirtschaftsdaten müssen Friedrich Merz und sein Team zügig und kraftvoll nachlegen, sonst wird die Wirtschaftswende nicht gelingen. Der Handlungsdruck ist groß, die deutsche Wirtschaft steckt trotz einiger positiver Signale in der Rezession fest. Im zweiten Quartal 2025 hat sich das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent verringert. Die Industrieproduktion ist sogar um 2,8 Prozent geschrumpft. Im August hat die Zahl der Arbeitslosen die Marke von drei Millionen überschritten – das erste Mal seit zehn Jahren. Die schwache Nachfrage, steigende Kosten und anhaltende Unsicherheit bringen immer mehr Unternehmen in eine finanzielle Schieflage. Im ersten Halbjahr 2025 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nach unseren Berechnungen als Creditreform auf fast 12.000 gestiegen – ebenfalls ein Zehnjahreshoch. Und Besserung ist leider nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Die Zahl der Insolvenzen wird in den nächsten Monaten weiter steigen. Im Juli 2025 sind die Unternehmensinsolvenzen gegenüber dem Vormonat um fast 20 Prozent gestiegen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung auf Monatssicht und mit dem Blick auf den Anstieg der Insolvenzen, den es ja bereits seit zwei Jahren gibt und sich fortsetzen dürfte? Hantzsch: Nachdem es in den Monaten zuvor in der Tat einen eher moderaten Zuwachs gegeben hat, wirkt große Anstieg im Juli wie ein Weckruf. Er ist jedoch weder Anlass zur Panik noch ein einmaliger Ausreißer. Vielmehr reiht er sich ein in ein Muster, das wir seit 2023 beobachten: eine anhaltende Erosion in Teilen der deutschen Unternehmenslandschaft. Wichtig ist und bleibt gleichwohl: Insolvenzen sind volkswirtschaftlich gesehen kein Makel, sondern Teil einer gesunden Marktwirtschaft. Doch wenn sie gehäuft in besonders innovations- und beschäftigungsintensiven Branchen auftreten, dann ist das ein Alarmsignal. Genau das sehen wir derzeit: Strukturelle Krisen, die sich über Jahre aufgebaut haben, brechen nun offen auf. Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen für diese Entwicklung? Hantzsch: Die Versuchung ist groß, die derzeitige Lage allein mit aktuellen Belastungen wie Energiepreisen, Zöllen oder geopolitischen Risiken zu erklären. T I TEL

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